Texten in Darmstadt

16.  Februar,  2013

Darmstadt

Am Ende unseres Telefonats fragt mich Mum, ob es hier so aussehe, wie der Name vermuten lässt. Ich blicke mich unwillkürlich um. Ich antworte, dass es ein bisschen sei wie Innsbruck. „Ohne Nordkette und Inn halt“. Ich vertrete mir die Beine, schaue auf die Uhr. Seit fünf Stunden warte ich schon auf unser Treffen, habe den billigsten – blöderweise zugleich auch frühesten – Zug von Leipzig hierher genommen. Es könnte kälter sein, denke ich, ich friere mir den A. ab. Ich trete auf den Kennedyplatz, verabschiede mich von Mum. Ich würde sie und die anderen morgen schon in Lienz wiedersehen. Hinter einem Fenster des Literaturhauses geht Licht an. Darüber – im dritten Stock – treffen wir uns jeden zweiten Dienstag im Monat zur Textwerkstatt.

Darmstadt liegt gut vier ICE-Stunden südwestlich von Leipzig, bei Frankfurt am Main. „Die Stadt gilt als Hochburg des Jugendstils“, erklärt mir Tim später bei einem Bier. Ich habe bei unserm ersten Termin bereits bei ihm und Carla pennen dürfen, bin ihnen unglaublich dankbar dafür. Meine finanzielle Lage ist auch ohne Darmstadt-Trips schon angespannt, und bei den beiden ist es richtig gemütlich. Außer Tim und mir arbeiten noch drei weitere TeilnehmerInnen unter Martina Webers Leitung an eigenen Texten. Wenn man von ihr spricht, biegt Martina auch schon – bis auf den Schlitz für die Augen – eingepackt in die Kasinostraße ein, kramt nach dem Schlüssel. Sie fragt, ob ich hoffentlich nicht schon länger im Kalten stünde. Ich setze mir den Rucksack auf, folge ihr – Reisetasche in der Hand – die Stiegen hinauf

Textwerkstatt

Das Prinzip der Textwerkstatt ist schnell erklärt. In jeder der vierstündigen Sitzungen prüfen wir zweidrei Arbeiten von TeilnehmerInnen auf Herz und Nieren. Damit das Sinn macht, müssen alle die Geschichten im Voraus lesen. Im Kurs werden die Texte zunächst von den AutorInnen vorgetragen – was eine gute Übung für den Ernstfall darstellt. In weiterer Folge hanteln die anderen sich anhand der Struktur der Geschichte zu ihrem Kern vor, bevor technische und grammatikalische Details zur Sprache kommen. Die ZuhörerInnen sind angehalten, konstruktiv Kritik zu üben. Für den/die jeweilige/n Autor/in gilt während dieser Phase, sich Verbesserungsvorschläge zu notieren. Über die Textarbeit hinaus gibt Martina theoretische Hilfestellungen oder bringt Beispieltexte mit.

Die ersten beiden Kurse werden zwei kürzere von meinen Short Stories und eine längere von Tim gelesen. Es fällt mir überraschend schwer, die Kritik der anderen – ohne mich ständig zu erklären – zu notieren. Meine österreichischen Eigenarten zeigen sich dann auch in den Texten selbst recht deutlich. (Das wird meinen Lehrer in Lienz freuen, der mir in der Diplomarbeit „piefkinesische“ Ausdrücke angestrichen hat.)

Tim und Carla

Nach dem Kurs hocken wir in Tims und Carlas Küche bei einem Bier. Ich schenke ihm die alte „bella_triste“ vom Herbst und die „Manuskripte“, die ich auf der Herfahrt gelesen hab. Viel zu wenig für eine solche Gastfreundschaft! Ich rede mit den beiden über Darmstadt. Carla kommt – wie Tim – von hier, arbeitet seit ein paar Jahren schon als Psychotherapeutin. Ob ich wüsste, dass Darmstadt die Hochburg des Jugendstils sei, fragt Tim. Ich schüttle den Kopf. Wir reden übers Schreiben. Ich muss an Mum denken, wie nervig Gespräche über Kunst zwischen Papa und seinen Freunden für sie werden. Ich schaue mir das Buch von Tims und Carlas Wandertrip in Südtirol an. Obwohl ich ganz aus der Nähe komme, kenne ich ihre Stationen – wenn überhaupt – gerade mal vom Namen her. Wir kommen irgendwie auf Borderline zu sprechen – ich habe das ungute Gefühl, dass das meine Schuld ist. Ich sage, dass ich mal jemand mit so Ritznarben gekannt hätte.

Ich kann die zweite Nacht hintereinander nicht schlafen. Die Uhr tickt laut in meinem Rücken, ich bin viel zu faul die Ohropax aus dem Rucksack zu holen. (Ich kann mich nicht erinnern, dass mich das Ticken letztes Mal gestört hätte.) Ich döse eine Weile vor mich hin, fange wieder nachzudenken an. Ich bin in solchen Nächten echt für nichts gut. Ich bin jetzt sechsundzwanzig, denke ich also, komme und komme nicht vom Fleck. Ich kriege kurzzeitig Angst, nie mit etwas Richtigem fertig zu werden. Ich überschlage, wie lange Opas Bausparer hält. Ich frage mich tatsächlich, warum ich mir den brotlosen Job überhaupt antue. – Ich bin in solchen Nächten einfach für nichts zu gebrauchen.

Ich nehme mich zusammen, hole die Ohropax aus dem Rucksack. Der Boden knarrt unter meinen Sohlen. Hoffentlich wecke ich Tim und Carla nicht, denke ich im Stillen. Ich schaue beim Vorbeigehn aufs Handy, habe keine neuen Mails bekommen. Es ist halb vier und mir blieben gerade mal drei Stunden. Gebrauchte Ohropax sind das Letzte, denke ich, mache die Augen zu. Als der Wecker klingelt, bin ich eben erst eingeschlafen gewesen.

Über den „Follow“-Button in der rechten unteren Ecke können Sie den Blog auch via E-Mail abonnieren. Tragen Sie dazu bitte ganz einfach Ihre Mail-Adresse in das weiße Feld ein. Auf die Art werden Sie sofort benachrichtigt, wenn sich ein neuer Eintrag online befindet. (Lassen Sie sich bitte nicht von der englischen Sprachausgabe irritieren.)



Zurück zur Übersicht

2 Kommentare

  1. Hey, lieber Andi!

    Ich bin auf Facebook über die wahnsinnige, gewaltige Neuigkeit gestolpert , dass du grad anfängst zu veröffentlichen und herauszugeben, und da hats mich irgendwie auch hierher verschlagen – muss es ja zwangsläufig, es lebe das Internet! 😉

    Meine beste Freundin in Jena ist ebenfalls Schriftstellerin und wenn ich immer sehe, wie sehr ihr diese Existenzängste zusetzen, könnte ich mir schreiend die Haare raufen, vor allem, wenn ich sehe, was so an „literarischen“ Werken gerade größte Erfolge feiern darf.

    Aber immer wenn ich in einer ihrer sehr „kafkaesken“ Lesungen sitze und sehe, was sie bei den Zuhörern und zukünftigen Lesern bewirkt mit ihren Gedichten und Kurzgeschichten, bin ich mir immer zumindest sicher, dass es dennoch immer weniger darauf ankommt, WAS man erreicht, sondern WEN man erreicht mit dem, was man tut.

    Selbst, wenn das leider nicht gleich die monatlichen Fixkosten abdeckt, die man so zu berappen hat – durchhalten.

    Allein schon für den Mut, sich nicht immer den leichtesten Weg auszusuchen kauf ich mir gleich 2 Exemplare (besagte Freundin hat auch schon ihre Neugierde kundgetan ;)), wenn ich wieder in Lienz bin.

    Ich wünsch dir viel Durchhaltevermögen, die nötige Geduld und den verdienten Erfolg, den du verdient hast. 😉

    Liebe Grüße aus Wien von einer ehemaligen Schulkollegin 😉
    C.

    Kommentar von Carmen am 13. März 2013 um 17:19

  2. Hey Carmen!

    Ich freue mich riesig über deinen Kommentar! Du musst mir bei Gelegenheit einmal den Namen deiner Freundin sagen – das würde mich echt voll interessieren! Sag mir bitte unbedingt auch Bescheid, wie dir das Buch gefallen hat. Ich bin schon ganz gespannt auf deine Meinung. Danke noch einmal fürs Schreiben!

    Machs gut in der Zwischenzeit!
    Liebe Grüße, Andi

    Kommentar von AndiPargger am 14. März 2013 um 10:35


Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: