kindheit am fluss

7.  März,  2013

Zivi

Ich durfte – wegen nachträglicher Untauglichkeit – drei Monate vor der eigentlichen Zeit abrüsten. Bis heute habe ich kein Gebäude so zu fürchten und gleichzeitig so zu hassen gelernt wie das Rote Kreuz in Lienz. Ich habe nie mehr einen Fuß dort hineingesetzt und sogar jetzt noch, wenn mir Kollegen von damals über den Weg laufen, kommt für einen Moment alles wieder hoch. (Ich habe bis vor Kurzem noch regelmäßig geträumt, dass ich die untauglich geschriebenen drei Monate nachholen müsse.)

Ende März durfte ich endlich gehen. Bis zum Semesterbeginn im Herbst hatte ich jetzt also Zeit, mich zu erholen. Ich war die letzten Monate fast durchgehend auf Antibiotika gewesen, hatte nach wie vor mit chronischer Stirn- und Nebenhöhleneiterung zu kämpfen. An meinen Vormittagen daheim fing ich aus Zufall Hemingway zu lesen an. Ich hatte es früher schon einmal mit „The old Man and the Sea“ versucht, es hatte mir gar nicht gefallen. Im Laufe von „Fiesta“ fühlte ich mich auf einen Schlag wie bei meiner Entdeckung von Hesse. Ich verschlang in einem Zug alle von Hems Sachen. Mitte April durfte ich die Antibiotika endlich absetzen. Ab dem Moment genoß ich den Frühling in vollen Zügen. Ich ging lange Runden im Wald spazieren, las mich noch einmal durch alle meine Romantiker.

Italien

Fast wieder gesund fuhr ich im Mai in die Toskana. Ich nahm vorsorglich eine ganze Tasche Medikamente mit, packte dafür nur ein Buch – Stifters „Nachsommer“ – ein. Ich hatte von meinen Freunden ein Moleskine für die Reise bekommen. Rucksack auf den Schultern spazierte ich eines Morgens also aus der Wohnung. Es war ein ganz normaler Tag unter der Woche, und auf meinem Weg durch den Draupark traf ich einen Kindergarten beim Spazierengehen. Ich wollte gerade in den Zug einsteigen, hatte mit einem Mal so ein komisches Gefühl. Ich setzte mich in eins der leeren Abteile, vor den Fenstern zog mein Wohnblock vorüber. Ich hatte unbemerkt Heimweh bekommen. Ich holte das Moleskinebuch heraus, schrieb mir die hartnäckigen Ängste von der Brust .

Ich hatte insgeheim geplant, in Italien nach einem Ort zu suchen, wohin ich mich langfristig zurückziehen konnte. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als in ein fremdes Land zu gehen, mich abseits von allem und jedem niederzulassen. Enttäuscht von Florenz fuhr ich am nächsten Morgen weiter. Lucca wäre dann fast ein so ein Ort gewesen. Ich streifte Tag für Tag auf der mittelalterlichen Mauer umher, blickte zu den Hügeln in der Ferne. Ich wäre gern einfach drauflos marschiert, irgendwohin ohne Ziel gewandert. Ich sah mich nicht darüber hinaus. Italien kam mir wie unter einer riesigen Glasglocke vor. So sehr ich mich bemühte, ich kam nicht wirklich näher.

Salzburg

Im Herbst ging ich nach Salzburg studieren. Es gab keinen speziellen Grund für mich, dorthin zu gehen. Ich hasste Innsbruck von der Zivi-Ausbildung her, Graz war mir zu groß. Wien konnte ich sowieso nicht ausstehen. Seit einem Jahr studierte ein Kollege, Gabriel, in Salzburg. Ich hatte mich – als ich im Juni bei ihm zu Besuch gewesen war – beim Türaufhalten in eine Heimbewohnerin verliebt. Ich redete mir ein, dass es schlechtere Gründe gab, in eine Stadt zu ziehen. (Das Mädel war bei meiner Ankunft schon wieder weg. Ich habe nicht ein Wort mit ihr gewechselt.)
Das nächste Jahr teilte ich mir mit Gabriel ein Zimmer. Ich hatte bis dahin mit meinem Bruder in einem Raum geschlafen, war von daher daran gewöhnt. Ich hatte immer schon so nebenbei geschrieben, in manchen Phasen auch nichts sonst gemacht. Es war jetzt aber anders – ich wollte nur mehr Schriftsteller werden. Ich stand so früh wie möglich auf und arbeitete an meinen Sachen. Die restliche Zeit las ich Baudelaire oder Gedichte von den Symbolisten.

Im Salzburger Literaturhaus gab es eine Autorin, die jungen Schreibenden einmal in der Woche Feedback gab. Ich saß eines Nachmittags in ihrem Büro, beobachtete nervös, wie sie sich meine Sachen durchlas. Sie hatte eine Brille auf, bunt lackierte Fingernägel. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ich hatte noch nie jemanden so schnell lesen gesehen. Es brauchte keine fünf Minuten und sie hatte meine Texte durch. Enttäuscht dachte ich, dass sie sich meine Sachen grade mal so oberflächlich angesehen hätte.
Sie sagte, dass das keine Literatur sei, was ich machte. Ich schaute sie entgeistert an. Ich hatte nicht damit gerechnet. Sie sagte, dass ich nicht so schreiben könne wie Goethe vor zweihundert Jahren. Ich verstand sie nicht. Warum sollte es schlecht sein so zu schreiben wie die Klassiker? Hauptsache die Atmosphäre stimmte. Und es fühlte sich richtig an! Ich hielt stur an meiner Überzeugung fest. Ich trieb es schließlich soweit, dass sie schon die anderen AutorInnen im Haus zusammentrommeln wollte, um mich zu überzeugen. Ich gab endlich nach, packte meine Sachen zusammen. Sie sagte, dass ich es in einem halben Jahr noch einmal mit neuen Texten versuchen sollte. Ganz in Gedanken lief ich zurück zum Heim, spazierte dort zwei Stunden lang um den Leopoldskroner Weiher.

Am nächsten Tag fing ich noch einmal ganz von vorne an. Ich zerriss, was ich bisher gemacht hatte. Ich hätte es am liebsten gleich auch noch verbrannt. Ich holte meine Ohropax aus der Schreibtischlade, blickte lange Minuten aus dem Fenster. Ich hatte keine Ahnung, wie ich anfangen sollte. Ich schrieb zuerst einmal alle die Wörter und Wendungen auf, die am ehesten nach mir klangen. Am nächsten Tag zerriss ich alles wieder, versuchte es nochmals von vorn. Ich glaube, ich verbrachte meine nächsten Wochen nur mit dem Zerreißen von Zetteln. Ansonsten las ich lange Stunden im Bett, ging oft und weit spazieren. Abends betrank ich mich mit Gabriel im Heim. Einzwei Monate versuchte ich es außerdem mit dem Rauchen, um mich so wenigstens ein bisschen wie ein Schriftsteller zu fühlen.
Im Laufe der Zeit merkte ich dann, dass es bestimmte Dinge gab, die ich mich nicht zu schreiben traute. Ich hatte Angst, was die anderen darin sehen könnten. Ich war richtig gehemmt von dem Gedanken. Eines Tages zwang ich mich dazu, alles niederzuschreiben, wovor ich Angst hatte, dass man es von mir denken könnte. Damit fertig schrieb ich so rücksichtslos und ehrlich wie nur möglich auf, was mir – warum auch immer – wehtat.

Ich kann mich nicht erinnern, wann es soweit gewesen ist. Irgendwann war ich auf jeden Fall mit einem meiner Texte auch am nächsten Tag noch zufrieden. Ich begann zu ahnen, dass ich etwas gefunden hatte, worauf sich aufbauen ließ. Es war nur ein ganz kurzes und recht einfaches Gedicht, und ich nannte es „salzachwind“. Es ist noch immer eines meiner liebsten.

Über den „Follow“-Button in der rechten unteren Ecke können Sie den Blog auch via E-Mail abonnieren. Tragen Sie dazu bitte ganz einfach Ihre Mail-Adresse in das weiße Feld ein. Auf die Art werden Sie sofort benachrichtigt, wenn sich ein neuer Eintrag online befindet. (Lassen Sie sich bitte nicht von der englischen Sprachausgabe irritieren.)



Zurück zur Übersicht

1 Kommentar

  1. Es tut mir schreck­lich leid, dass ich erst jetzt den drit­ten Ein­trag poste. Ich bin in letz­ter Zeit etwas in Stress gewe­sen. Und dann hat das Blog-Schreiben sel­ber auch noch ein gan­zes Stück län­ger gedau­ert als geplant.
    Ich würde mich rie­sig darüber freuen, wenn der/die eine oder andere hier seine/ihre Ein­drü­cke von den Gedich­ten pos­ten könnte. Ich bin schon ganz gespannt, wie sie so ange­kom­men sind. Danke auf jeden Fall noch ein­mal für die vie­len Likes und Mes­sa­ges! Ich habe mich echt sehr dar­über gefreut!

    Liebe Grüße, Andi

    Kommentar von AndiPargger am 7. März 2013 um 14:58


Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: